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"nackt" ist ganz schön anziehend
(Zofinger Tagblatt
vom 15. Juni 2005)
Zofingen. Ein überraschendes Erstlingswerk
der Jungautorin Olivia Meyer
Im April hat Olivia Meyer
aus Zofingen unter dem Titel "nackt" ihr literarisches Erstlingswerk auf den
Markt gebracht. Die junge Autorin modelliert Gedanken und Gefühle mit Worten
zu verblüffender Lyrik und spannenden Kurzgeschichten
von Jörg Lüscher
Sie benutze das Papier nicht bloss auf dem
Klo und mit Worten werfe sie manchmal nur so um sich. Das behauptet Olivia
Meyer in ihrem Nachwort zu "nackt". Es ist das Erstlingswerk der in Zofingen
aufgewachsenen Nachwuchsautorin, die sich bescheiden als "kleine
Schreiberin" bezeichnet. Wer das im kari-kani Verlag herausgegebene Werk
gelesen hat, fragt sich, ob sie damit wohl klein im körperlichen Sinn
gemeint hat (was auch nicht stimmen würde). Inhaltlich verblüffen ihre Texte
nämlich durch eine überraschende Grösse. Auch in Bezug auf Stil und
Fantasie.
Das Bett und
Erfolg dank Schönheit
Amüsant und
entblössend authentisch etwa die "Liebeserklärung an mein Bett", "...Obwohl
ich in dein Kissen jammere, lache, weine, furze und huste, verstösst du mich
nicht. ... Und trotzdem forderst du mich allmorgendlich dazu auf, noch ein
bisschen auf deinem warmen Bauch zu weilen, um wieder einmal zu spät zur
Arbeit zu kommen." Feinfühlig-kritisch thematisiert die angehende
Profi-Tänzerin in "Das grüne Kleid" die verschrobene und letztlich doch
natürliche Werteskala unserer Gesellschaft. Die wenig vorteilhaft gebaute
Petra erfährt an der Seite ihrer attraktiven Kollegin Elli, wie Erfolg in
ungerechter und verletzender Art oft alleine über das Äussere definiert
wird. Dabei steht Olivia Meyer selber Ästhetik, findet muskulöse Körper
total schön - "ich bin ein Muskelfetischist".
Die Tochter eines
mehrfach ausgezeichneten Bodybuilders sagt, sie schreibe leidenschaftlich
gerne. Immer schon. "Die Sprache ist mein Ein und Alles, über die Sprache
drücke ich mich aus." Ihre zweite Leidenschaft ist das Tanzen. Auch eine
Ausdrucksform, die allerdings extrem mit dem Schreiben kontrastiert. "Texten
kann ich im Verborgenen. Als Tänzerin exponiere ich mich mit Haut und Haar,
werde sozusagen aus der Anonymität herausgerissen", gesteht die Frau, die
gemäss Eigendefinition ihr Schicksal gerne herausfordert. "Das liegt in der
Natur meines Sternzeichens. Als Widder bin ich bereit, mit dem Kopf durch
die Wand zu gehen. Ohne zu überlegen. Nach dem Motto: Es wird schon schief
gehen."
Hat alle
erschreckt
Im Gedicht "Ich habs
versucht" lässt Olivia Meyer, deren Adern zur Hälfte mit spanischem Blut
gefüllt sind, ihre rebellische Natur aufblitzen. Vielleicht ist der
27-Zeiler aber auch nur eine witzige Art, die Postpubertätsphase über den
Buchstaben auszuleben. Spannend zu lesen ist das Gedicht allemal. Hier ein
Ausschnitt: "Habe dem Papst den Stock gestohlen. Und traf mich auch mit
Dieter Bohlen. Hab mir gestern den Po tätowiert. Anstatt in der Küche
manövriert. Habe mit Pudding gesündigt. Mich gerade selbst entmündigt. Habe
mein Haus gar nicht mehr geputzt. Und auch keine Schminke mehr benutzt. Habe
mich vor dem Gott der Dunkelheit verneigt. Später dann noch allen die
Meinung gegeigt. War auf einmal ganz ehrlich und offen. Habe beim Fussball
das Tor getroffen. Habe der Braut das Kleid befleckt. Und hoff' ich habe
euch nun erschreckt."
Traumjob
"Freischaffend"
Olivia Meyer hat nach
der Bezirksschule eine Lehre als Kauffrau absolviert und dabei auch die
Berufsmatura gemacht. Seither lässt sie sich in Dance Performance ausbilden.
Freischaffend leben zu können, bezeichnet sie als das Ideal ihrer
beruflichen Zukunft. Als Schriftstellerin zum Beispiel oder als Tänzerin und
warum nicht als Schauspielerin? Bei Gedanken an Theater winkt sie ab: "Nein
danke, da dominiert die Sprache zu sehr", der Körperausdruck, das Spiel der
Muskeln, das sie so sehr liebt, komme zu kurz. Probleme will sich Olivia
Meyer deswegen keine machen. "Ich hintersinne mich eh zu viel, wälze
Gedanken dort, wo eigentlich alles okay ist", sagt die Tierliebhaberin, die
sich vorstellen könnte, in 30 Jahren drei Hunde, aber keine Kinder zu haben.
Was ist wenn?
"Doch was ist wenn:
Ich nicht fliegen lerne? Wenn ich noch nicht mal ein bisschen schweben kann?
Wenn's auch mit dem Gehen nicht mehr klappt? Oder mit dem Stehen? Und was
ist wenn: Ich nicht aufstehen kann? Wenn ichs dann mit Liegen versuche,
könnt doch klappen? Kann ich dann nicht mehr fallen? Was ist wenn: Ich mich
trotzdem fallen lasse, mit Absicht? Dann bin ich nicht mehr. Ich will aber
sein. Will nicht die Illusion haben zu fliegen. Ich will die Gewissheit zu
stehen. Ich bin." "Zwischen Fliegen und Fallen!" lautet der Titel dieses
Gedichtes. Auf "nackt" und die Autorin Olivia Meyer trifft beides ein wenig
zu. Weil das Erstlingswerk, das in der Buchhandlung Mattmann in Zofingen
erhältlich ist, der Start zu einem literarischen Höhenflug sein kann. Und
weil die Nachwuchsautorin damit fall wird - nicht um, sondern auf.
Olivia Meyer, "nackt", 2557 Studen, 2005,
Verlag kari-kani (handgebundene Bücher), ISBN 3-906863-06-9
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