"Im Schreiben schaffe ich mir meine Welt"
(Freiburger Nachrichten 6.
Januar 2005 / Berner Zeitung vom 8. Januar 2005)
Die Sensler Gymnasiastin Angelia
Maria Schwaller veröffentlicht einige ihrer Gedichte
Als sie zehn Jahre alt war, hat sie
ihr erstes Gedicht geschrieben. Jetzt veröffentlicht die 17-jährige
Überstorferin Angelia Maria Schwaller drei ihrer Texte im Sammelband «wortgestöber»,
der im März erscheinen wird.
Von CAROLE
SCHNEUWLY
Sanft und zierlich wirkt sie, wie sie
einem so gegenübersitzt: Angelia Maria Schwaller, die Sätze
schreibt wie: «Der Hunger steckt im Hals fest» oder: «Verkrampfte Muskeln
wenden sich kopflos stumpfen Gesten zu.» Bevor sie spricht, überlegt sie
lange und erzählt dann mit leiser, ruhiger Stimme von ihrer Poesie, von
ihren Ideen und Inspirationen und davon, was ihr das Schreiben bedeutet.
«Das Schreiben ist mir zum
Lebensinhalt geworden. Ich kann mir dadurch meine eigene Welt schaffen,
eine Welt, in der ich vieles ausdrücken kann und in der ich mich
wiederfinde.» In dieser Welt könne sie ihren Alltag verarbeiten oder
Eindrücke, die sie vom Leben und von der Gesellschaft gewinne, so Angelia
Schwaller. «Nicht alles, was ich schreibe, ist autobiografisch»,
betont sie. Medienberichte, Bilder oder Naturbeobachtungen inspirierten
sie ebenso sehr wie persönliche Erlebnisse.
„Kein Gedicht, einfach nur ein Text“
An die 80 Gedichte hat sie schon
geschrieben, dazu einige Kurzgeschichten. Es könne schon vorkommen, dass
sie mal einen alten Text wieder heraushole, um ihn zu verbessern.
Weggeworfen aber habe sie noch nie etwas. Das bedeutet allerdings
keineswegs, dass Angelia Schwaller alles gut findet, was sie jemals
geschrieben hat. Ganz im Gegenteil: «Mein erstes Gedicht, das ich 1997
geschrieben habe, sehe ich heute nicht mehr als Gedicht an, sondern
einfach als Text.»
Nicht nur Selbstkritik, sondern auch
Kritik von anderen bringt sie weiter. Vor zwei Jahren hat sie das Internet
als Austauschplattform entdeckt. «Erst wenn man sich seriös damit befasst,
merkt man, was ein Gedicht eigentlich ausmacht», so die Gymnasiastin. «Das
wissen viele nicht. Heute werden schon SMS-Sprüche als grosse Gedichte
betrachtet.»
Schreiben, Fotografie und Fussball
Via Internet hat Angelia Schwaller
auch Margot S. Baumann kennen gelernt, die Herausgeberin des Gedichtbandes
«wortgestöber» (siehe unten). Die Senslerin ist eine von 23 Autorinnen und
Autoren aus der Schweiz und aus Deutschland, deren Texte für die
Publikation ausgewählt wurden. Und nicht nur das: Illustriert wird das
Buch mit zehn Fotos, die ebenfalls von Angelia Schwaller stammen.
Nebst der Schule, dem Schreiben und
der Fotografie gibt es im Leben der 17-Jährigen noch einen weiteren
Ausgleich: Beim SC Thörishaus spielt sie in der 3. Liga Fussball. Und in
welchem Bereich sieht sie ihre Zukunft? «Das weiss ich noch nicht genau.
Gedichte schreiben aber könnte ich nicht den ganzen Tag. Und das wäre wohl
auch ziemlich brotlos.»
Bilder, die nur sie versteht
Weiterentwickeln aber will sich die
junge Autorin auf jeden Fall. «Ich bin noch längst nicht da, wo ich hin
möchte.» In formaler Hinsicht müsse sie noch viel lernen. Und sie wolle
daran arbeiten, den Lesern den Zugang zu ihren Gedichten zu erleichtern.
«Im Moment brauche ich noch zu viele Bilder, die andere nicht verstehen.»
Die geplante Publikation sieht Angelia
Schwaller als Chance, einmal ausserhalb des Internets zu zeigen,
was sie in ihrer Freizeit so mache. Weitere Veröffentlichungen seien
derzeit nicht in Aussicht. «Ich suche nicht danach. Aber wenn sich etwas
ergibt ...»
Kostprobe
Vergänglich
(Angelia Maria Schwaller)
Knarrend beugt sich altes Holz
den schweren Schritten,
liegt wund im Wasserbeet
Fussbreit wartet Algengrün
still auf die Wege
der Sehnsuchtsfahrt nach Fern
Wellenklang riecht nach dem Salz
des tiefen Grundes,
der scheinhaft im Tod treibt
Satte Trauerweidentracht
erbleicht beim Anblick
zu starrer Wachsamkeit
Abstand fliesst regungslos, hofft
auf ferne Hände:
Der Sprung ins Kalt ist nah
«Vergänglich» ist eines der drei
Gedichte, die im Sammelband «Wortgestöber» veröffentlicht werden.
Experiment «wortgestöber»
Die Sammlung «wortgestöber» mit den
Gedichten und Fotografien von Angelia Schwaller erscheint im März
2005 beim Berner Kleinverlag kari-kani. Der handgebundene Band soll laut
Herausgeberin Margot S. Baumann vorerst in einer Auflage von 100
Exemplaren erscheinen; dazu kommen 40 Exemplare für die Autoren.
Margot S. Baumann schreibt in ihrer
Freizeit selbst seit 25 Jahren Gedichte, Balladen und Kurzgeschichten. Sie
hat bereits mehrmals eigene Texte veröffentlicht. «Wortgestöber» sei das
erste Sammelprojekt, erklärt sie, und damit auch ein Experiment. Die Idee
bestehe darin, die vielen guten Gedichte, die im Internet-Forum
kursierten, zu sammeln und zu verhindern, dass sie verloren gingen.
Treffende Bilder
Die Texte für den Sammelband hat die
Herausgeberin selbst ausgewählt. Über Angelia Schwaller sagt
sie: «Ihre Gedichte gefallen mir sehr gut. Sie braucht treffende Bilder,
unter denen man sich etwas vorstellen kann. Trotzdem muss man darüber
nachdenken. Das ist interessant.» cs
«wortgestöber» ist ab März 2005 im
Buchhandel erhältlich. Weitere Informationen: www.karikani.com.
Bild Schwaller:
Pierre-Yves Massot
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