Des Ritters ohnmächtige Wut
(Bieler Tagblatt vom 25.02.04)
Kostbarkeiten,
die den Bücherliebhaber erfreuen, entstehen derzeit still und leise im
Seeland. Ein ortsansässiger Kleinverlag bringt Werke einer ebenfalls in
der Region beheimateten Lyrikerin heraus.
von Christophe
Pochon
Der alternde Ritter
muss in den Kampf gegen einen Furcht erregenden Drachen ziehen. Der
argwöhnische König hat diesen Einsatz seines Untergebenen aus einer puren
Laune heraus verlangt, als Beweis der Treue gegenüber dem Herrscher. "Die
letzte Schlacht", nennt die in Worben lebende Lyrikerin Margot S. Baumann
ihre Ballade, die den Auftakt bildet zu einer kleinen Anthologie von
Gedichten dieser Art. "Das Balladenbuch" ist in einem kleinen Seeländer
Spezialverlag für handgebundene Bücher, einem Einmannbetrieb, erschienen (vgl.
Kasten).
Scheitern an Ehrbegriffen
Der Ritter gibt
sich in Bezug auf den Charakter seines Herrn keinen Illusionen hin. Im
Unterschied zu dessen Vater ist der König ein Diktator. Aber dem zum Kampf
Gedrängten stehen seine Ehrbegriffe im Wege: Ein Treuegelöbnis hindert ihn
daran, sich dem unsinnigen Befehl zu widersetzen.
Die Unfähigkeit zur
freien inneren Entscheidung, zur Auflehnung gegen Willkürakte einer
Obrigkeit - vielleicht auch aus einer altersbedingten Resignation heraus:
Margot Baumann behandelt hier ein zeitlos aktuelles Thema. Gekleidet in
die spannende Form einer Ballade, deren Kennzeichen darin besteht, dass
sie einem dramatischen Höhepunkt entgegentreibt. Der Text von Baumann
gipfelt darin, dass der Einsatz des Ritters zum Fanal für eine
gesellschaftspolitische Entwicklung wird.
Auf die Idee, einen
Stoff mit den Mitteln der Ballade zu verarbeiten, erst noch in gereimten
Strophen, sei sie nicht selber gekommen; die Anregung stamme vielmehr von
Stefan Krebs, dem Inhaber und Betreiber des Kleinverlages. Die
Schwierigkeit beim Schreiben bestand für Margot S. Baumann in der
Unvereinbarkeit zwischen dem modernen Wortschatz und der Epoche, in der
sie beispielsweise "Die letzte Schlacht" angesiedelt hat. Doch sie hat,
wie sie in einem Gespräch über ihre Poesie verriet, Spass dabei gefunden,
die Sprache der jeweiligen historischen Zeit oder etwa der Welt der
Naturgeister, die sie beschwört, anzupassen. "Was soll ich töten diesen
Drach? / Er mir doch selbst so ähnlich schon, / Er wird wohl seine Brut
bewachen, / So wie ich meine Frau und Sohn." Mit diesen Zeilen wird
die Gedankenwelt eines Menschen aus dem Mittelalter sichtbar gemacht. Die
Vertrautheit mit der Geschichte ist durch die Literatur gewachsen: "Von
den historischen Balladen von C.F. Meyer oder Schiller war ich immer
fasziniert; wir hatten in der Schule einen Lehrer, der diese Neigungen
förderte."
Ist ihr jeweils zum
voraus klar, worauf sie hinaus will? "Ich setze mich nicht an den
Schreibtisch und kenne den Schluss. Meine Handlungen entwickeln sich beim
Schreiben. Plötzlich ereignet sich eine Wendung, die mich selber
überrascht."
Überfischung der Meere
Das Ergebnis darf
sich sehen lassen: Sie weiss beispielsweise auch spezifische Gefahren
unserer Zeit wie die Zerstörung natürlicher Grundlagen balladesk zu
behandeln. Zu erleben beim Titel "Das Versprechen". Die Fischer stellen
allmählich fest, dass die Fanggründe, die ihnen ein bescheidenes Einkommen
garantierten, leer sind. Baumanns dramatisches Gedicht setzt sich mit der
Überfischung der Meere, dem Aussterben der Fischerdörfer durch den Verlust
der Existenzgrundlage, auseinander.
"Auslöser war eine
Fernsehsendung über den Walfang durch Japan und Norwegen. Ich finden den
Wal ein sehr schönes Tier; die Geschichte hat mich selber auch stark
berührt."
Seelische
Empfindungen sind in ihrer Poesie sehr gut zu spüren, die jenseits der
Balladen entstanden ist. In "Kinderglück" im Band "Reise und andere
Gedichte" scheinen die eigenen Erlebnisse der 1964 in Leutwil im Kanton
Aargau geborenen Margot Baumann eingefangen zu sein, ha sie doch nach
ihren eigenen Worten eine sehr schöne Kindheit verlebt. "Bunte Murmeln,
Glatte Steine. / Schnur aus Perlen. Farbig Glas. (…) Erste Liebe. Barfuss
laufen. / Gute Noten. Saure Drops. / Spielzeugläden. Selber kaufen. /
Videos und Rumgehops." Doch: "Das Gedicht 'Kinderglück' ist eher für
meine Tochter entstanden, die soeben neun Jahre alt wurde. Sie steht jetzt
mittendrin. Ich wollte aufschreiben, was für sie jetzt wichtig ist."
Baumann möchte
ohnehin nicht, dass ihre Gedichte alle als autobiographische
Momentaufnahmen gedeutet werden ("ich will nicht mein Innerstes nach
aussen kehren"); auch Eindrücke nicht nur aus Filmen, sondern auch aus
Liedern finden ihren Niederschlag in den Versen. Und wichtig sind in
diesem Zusammenhang weiter die Einblicke in Schicksale, die ihr der Beruf
in Bern - sie ist zu 60 Prozent Verwaltungsangestellte der Reformierten
Kirchen Bern/Jura/Solothurn und führt viele Gespräche mit Pfarrern und
Angestellten - gewährt.
Dass sie in
einzelnen Poesiestücken eigene Lebenserfahrungen verwertet hat, zeigt
sich, als sie auf Schöpfungen angesprochen wird. "Alte Freunde": die
Entfremdung von Gefährten aus der Schulzeit, "Der letzte Gang": nach dem
Tod einer Tante Reue über unterlassene Besuche.
Das Leben geht
weiter, und Margot S. Baumann hat auch Träume. Jenen, einmal einen Roman
zu schreiben, "Ein Buch mit einer abgeschlossenen Geschichte." Aber mit
Kind und Partner - der Vater der Neunjährigen - im gemeinsamen Haushalt,
mit Hund und Beruf sowie weiteren Hobbys neben dem Schreiben ist sie
ausgelastet. Der nächste Schritt ist für sie wohl die Veröffentlichung von
Kurzgeschichten, die auf der Homepage des Verlages bereits abrufbar sind (vgl.
Kasten). Aber über all den Plänen will sie die Lyrik nicht
vernachlässigen, die ihr ganz besonders am Herzen liegt. Die Vermutung ist
nicht so weit hergeholt, dass angesichts der Fülle politischer Ereignisse
unserer Tage die eine Variante, die Ballade, eine Fortsetzung erfahren
wird.
Bibliographie:
"Wind und andere Gedichte", "Reise und andere Gedichte", "Gewitter -
Gedichte aus der Nebelzone des Lebens", "Das Balladenbuch".
cbp. Ein seltsamer
Name für einen Kleinverlag im Seeland, der die Bücher von Margot S.
Baumann verlegt: kari-kani. Alleininhaber und -betreiber Stefan Krebs
erläutert: "kari" ist der japanische Name für Graugans, "kani" jener für
Krebs. Der Titel eines Gedichtes von Baumann und sein eigener
Geschlechtsname haben zu kari-kani geführt. Der über Kenntnisse in
japanischer Kultur und Sprache verfügende, in der Bundesverwaltung tätige
Krebs zügelt seinen Verlag gegenwärtig von Busswil b. Büren nach Studen.
Der bald 34-jährige Verfasser von Romanen, Kurzgeschichten und Novellen
hat die Bücher von Baumann, seiner bisher einzigen Fremd-Autorin,
persönlich von Hand gebunden. Er ist auch für die Illustrationen
verantwortlich - mit Bleistift und Tusche bisher oder neu auch auf dem
Computer gemalt. Ihn beflügelt die Liebe zum Buch; er vergiesst Herzblut
für kari-kani und über die Rentabilität will er später nachdenken.
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