Leseprobe:
|
Als guter Mensch in Sezuan
von T.H. Lorenz
Es ist Spätsommer, der 21. August, ein Dienstag:
Im Meer keimt die Sonne jeden Morgen wieder gleich der Hoffnung einer Welt. Bald darauf flutet sie mit ihrem Licht die Hafenpromenade und die ersten Cafés und Bistros eröffnen. Huren, die man in der vorangegangenen Nacht verdorben hat – wie der Alltag den Appetit –, und Freier, die während dieser Stunden zu Greisen verkamen, ziehen sich in ihre Höhlen zurück. Bis zum nächsten Abend dann! Geschwängerte Mädchen schieben Kinderwagen mit ihren Erstgeborenen übers Pflaster. Sie kommen direkt aus Zoar. Ihre Kinder sind allesamt mongoloid und der Vater – ein Herr namens Lot – der Papa der jungen Mütter. Dann komm und leg dich zu ihm, dass wir von unserem Vater Samen erhalten!
Du hast vor einem kleinen Bistro platzgenommen. Unweit entfernt an der Ecke eines Häuserblocks liegt ein Obdachloser. Er liegt dort schon seit Wochen, weil die meisten meinen, er schliefe nur – zuwider dem Gestank der einsetzenden Verwesung. Tatsächlich aber war er schon mit dem letzten Frost erfroren, als da keine Huren und keine Cafégänger am Hafen herumlungerten, als kein Vater seine Töchter in einer Nacht voll Wein und Leidenschaft schwängerte. Die Kellnerin, die für deinen Tisch eingeteilt ist, war als junge Frau magersüchtig: Boulimie. Heute raucht sie – Marke: Gauloises – und geht einmal die Woche zur Therapie. Diagnose: dissoziale Persönlichkeitsstörung. Sie fühlt sich gut. Die Sitzungen bekommt sie auf Rezept. Die Zigaretten an der Tanke. Viel zu teuer inzwischen!
Sie lächelt dir zu, weil sie meint, es brächte mehr Trinkgeld, und stellt den schon vor einer Weile bestellten ‚Latte Macchiato‘ auf deinem Tisch ab. Durch die Gläser deiner Sonnenbrille bleiben ihr deine zweifelnden Blicke verborgen. Die Zeitung bietet an diesem Tag nicht viel und ist ihr Geld nicht wert – in der Hinsicht verhält sich dein Leben dir gegenüber kaum anders, wie du selbst bekennst. 53 Frauen sterben täglich an Brustkrebs. Du musterst die Kellnerin wieder und wieder: ihre Taille, ihren Po, ihr Gesicht und so weiter, in etwa dieser Reihenfolge. Längst schon hast du dich dazu entschieden, ihr mehr Trinkgeld zu geben, weil dir ihre Brüste gefallen und du möchtest, dass sie länger lebt.
Du gibst vor, an deinem Glas zu nippen, ohne jedoch überhaupt etwas zu trinken: Hebst es stattdessen an, setzt es wieder ab! – In den Straßen herrscht Krieg. Großstadtguerilla kämpfen gegen System, Establishment und die verfluchten Konservativen. Wenn der Feind uns bekämpft, ist das gut und nicht schlecht. - Grüße von Mao! Es wundert dich, dass du an diesem Tag noch keine Explosionen und nur vereinzelte Sirenen gehört hast. Der Milchschaum, der wie ein Gebirge aus deinem Macchiato emporgewachsen war, fällt nun schneller als erwartet wieder in sich zusammen; und hätten einige verwahrloste Kinder nicht in gerade diesem Moment angefangen zu singen, du hättest dich bei der Geschäftsleitung des Bistros über die missglückte Architektur ihrer Getränke beschwert. Doch die engelsgleichen Stimmen einiger junger, verwaister Seelen besänftigt dich und lässt dich das Schlechte in der Welt mit einem Male vergessen. Wenigstens für einen kurzen Moment!
Das Panorama, das man von deinem Platz auf der Promenade aus genießen kann, ist herrlich; in der Ferne berühren sich Himmel und Meer wie ein tanzendes Paar scheinbar übergangslos im aufgespannten Zelt des blauen Horizonts. Das Kyrie Eleison der Kinder schwindet allmählich dahin. Die erste Explosion des Tages ist zu hören; der dumpfe Knall wird schnell durch die hochgezogenen Häuserfronten und an den Fassaden der Geschäfte entlang zum Hafen getragen – der ‚Volkskrieg‘ ist ausgerufen! –; noch während du erschöpft vom Leben ausatmest, wünscht du der Crack-Abhängigen, die sich in der Nähe des Kurzentrums ihre Pfeife anzündet, dass ihr ständiges Sterben nun mal endlich ein Ende hat.
„Herrgott im Himmel... !“
So lebt es sich: als guter Mensch in Sezuan!
Text (c) 2006 T.H. Lorenz
|