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Till Lorenz
Die Menschen im Norden sind von seltsamer Natur. Sie essen viel. Sie lieben Fisch. Sie brauchen den Geruch von Salz – nicht nur auf der Haut, sondern wann immer sie auf dem Deich stehen und den Horizont suchen. Durch Wind und Wetter geformt und bedrängt wählte der Herrgott eine kleine und stabile Form als Körper für ihren Geist, damit sie den Naturgewalten trotzen können. Mit den Dänen im Rücken wissen sie, was es heißt, ein Leben im kulturellen Spagat zu führen. Natürlich neiden sie es den nordischen Nachbarn, dass diese das bessere Wetter haben. Natürlich neiden sie es ihnen auch ebenso, dass diese die schöneren Straßen haben. Letztere haben zeitlebens einen gewaltigen Eindruck auf meinen Großvater gemacht. Er war ein kluger Mann – ein ehrgeiziger Mann. Und er war ein Mann, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, ein dänischer Staatsbürger zu werden. Nun musste mein Opa jedoch feststellen, dass dies auch für ihn nicht ohne weiteres möglich war. So kam es dann, dass seine Enkelkinder nahe der dänischen Grenze, mit einem deutschen Pass und keinerlei Sprachtalent für das skandinavische Vokabular das Licht der Welt erblickten.
1982. S. K. Bergström erhielt den Nobelpreis, in Erlangen wurde ein Retortenbaby geboren, Helmut Kohl war neuer Regierungschef in der Bundesrepublik Deutschland und eines der beiden Enkelkinder meines Großvaters suchte sich einen Weg ins Freie. Da war ‚Ich‘. Wenn ich mich so vorstellen darf?
Angekommen auf der Welt war bald alles vorhanden: das eigene Leben, der eigene Körper, ja, sogar an der eigenen Sprache sollte es nicht mangeln. Knapp vier Jahre später lernte ich dann noch Fremdsprachen – beginnende bei der meiner restlichen Familie – und konnte mich so erstmals mit anderen Menschen verständigen. Ob das maßgeblich zu meiner Entwicklung beigetragen hat und als lohnenswerte Erfahrung tituliert werden sollte, will ich heut nicht mehr so recht wissen wollen.
Als Kind träumte ich davon – wie alle Kinder dies eben tun –, wie es wäre, Rockstar zu sein. Man wollte Fame und Ehre, Ruhm und Reichtum, Autos, Geld, Frauen. In der Reihenfolge. An manchen Tagen auch umsortiert. Die ersten Trennungsschmerzen setzten noch ein, bevor die ersten Beziehungen überhaupt entstanden und die Pubertät quält mich auch nicht weniger als das Mädchen, das mir mein Butterbrot in der Pause stahl. Die Musik half mir, die Schulzeit zu überstehen und etwas Vernünftiges mit mir und meiner Zeit anzufangen. Ich wäre sonst womöglich am Ende noch Streber oder Sportler geworden. Letzteres hätte meinem Opa gewiss gefallen. Doch auch mit der Musik konnte er sich arrangieren, solange deutsche Märsche im Repertoire ihren Platz fanden.
Inzwischen ist mein Großvater gestorben. Dänemark ist noch immer schön – und dänische Frauen sowieso. Ich bin älter geworden und 2003 nach Hamburg gegangen. Dort gibt es zwar einen Fischmarkt und allerhand Fisch, doch einen richtigen Deich sucht man vergeblich. Von Stränden ganz zu schweigen. Sprechen die Menschen in Hamburg oder im Rest der Republik von einem Strand, dann meinen sie ein wenig Sand und plätscherndes Wasser. Sprechen Menschen im Norden von einem Strand, meinen sie kilometerlange Kämme von Dünen und gischtende See. Und auch die Luft schmeckt hier nicht mehr so rau und salzig, wie man es noch von Muttern her kannte. Statt auf dem Deich zu stehen und den Horizont zu suchen, wird studiert. Statt Ebbe und Flut zu beobachten, wird geschrieben, gelebt und geliebt. Doch trotz allem ist Hamburg kein Ende, sondern ein Anfang. Hier beginnt der Norden. Und was interessiert einen der Rest?
Hier gibt es Lachs, hier darf ich sein...
nordish by nature...
Till Lorenz wird mit seinen Arbeiten in Wortwahl (Showcase Nr. 3) vertreten sein. Die Anthologie wird 2006 erscheinen.
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